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Featuring
¬ Norbert Math

Reinhard Braun
Schlafradio

Schlafradio ist ein 'work in progress', das sich mit Hilfe und Teilnahme der Hörer im Laufe verschiedener Kunstradio-Sendungen dieses Jahres verändern und entwickeln wird, und schließlich zu einer Performance und dann zu einem Klangarchiv in einem 'e-mail'-Netz werden soll.

"Schlafradio ist ein Versuch, Radiokunst in einen Bereich zu bringen, der abseits von aufmerksamer Rezeption liegt. Viele Menschen haben die Gewohnheit, sich von ihrem Radio-Wecker in den Schlaf wiegen zu lassen. Dasselbe Gerät erfüllt zwei entgegengesetzte Funktionen: in den Schlaf wiegen und aufwecken, u. z. in der selben Lautstärke und im selben Sendekanal. Welche Funktion erfüllt wird, entscheidet sich nur durch die Tatsache, wer, Mensch oder Radio, zuerst aktiv ist. Mensch schaltet Radio ein, Radio schaltet Mensch ab; Radio schaltet Mensch ein, Mensch schaltet Radio ab. Das Radio zum Einschlafen läuft wie ein Ritual ab und als solches muß es Muster anbieten, die sich ständig wiederholen und es muß oftmalig als Sendereihe ausgestrahlt werden. Wenn eine Grundanordnung gegeben ist, kann diese beliebig kombiniert und erweiter werden und diese Spiel ist umso besser, wenn die Hörer in dieses Spiel eingreifen können. Daher die Aufforderung, dieses Spiel mitzuspielen. Diese Sendung ist kein fertiges Stück sondern ein Beispiel oder eine Vorstellung, wie so eine Klangwelt entstehen könnte." (Norbert Math)

Eins
Norbert Math baut das Konzept zum Schlafradio bereits analog zum Projekt selbst auf: er entwickelt einen theoretischen Horizont als Grundlage des Projekts, den er als (noch nicht realisierten) 'Hyper-Text' anlegt, d. h. als offene Struktur von theoretischen Elementen, die variabel verknüpft werden können. Zitate aus dem Bereich der Literatur, der Linguistik, der Psychoanalyse und der Programmsprachentheorie (Compilerbau) werden als theoretische Operatoren eingesetzt, um die Idee einer "synästhetischen Verknüpfung (Ton und Bild) in intermedialen Arbeiten" zu formulieren, deren Verbindungen "in einer vom Kontext unabhängigen Ebene entstehen": ein selbstreferentielles bzw. autopoeitisches System (kontextunabhängig) jenseits von inaltlichen Konnotationen, d. h. jenseits von Bedeutungen.

Der literarische Referenzpunkt für diese Perspektive ist die "Hypnerotomachia Polifili, Traumliebeskampf des Polifil; allegorischer Roman, 1499 bei Aldus Manutius in Venedig anonym erschienen; Verfasser ist wahrscheinlich der Dominikaner Francesco Colonna. Im Rahmen einer traumhaften Liebesgeschichte werden philosophische und künstlerische Anschauungen der Renaissance ausgebreitet, insbesondere wird das Altertum und seine Kunst verherrlicht. In enger Verbindung mit diesem Inhalt stehen eine Reihe von Holzschnittillustrationen, die in ihrer durchsichtigen Klarheit zum schönsten gehören, was die italienische Grafik der Renaissance hervorgebracht hat. Die Hypnerotomachia Polifili ist von bedeutender Wirkung namentlich auf den französischen Holzschnitt des 16. Jahrhunderts gewesen" (zit. nach Kröners Wörterbuch der Kunst, Stuttgart 1983).

Der Roman konstruiert eine Welt, die sich in sich selbst spiegelt, d. h. eine eigene Logik der Verkettung von Ereignissen und eine eigene Logik der Kausalität errichtet. Gleichwohl nährt sich diese Traum-Welt von externen Vorstellungen: Liebe, Kunst, Antike, Ehre, Besessenheit, Begierde usw.; diese Vorstellungen werden jedoch zu Bausteinen einer spezifischen Grammatik (der Liebe), auch einer spezifischen Verknüpfung von Denken, Sprache und Bildern. Das "Schlafradio" - das ja in Richtung des Traumes weist ("Radio schaltet Mensch ab") - orientiert sich an dieser Geschichte, an dieser "ausführlichen Beschreibung einer nur dem Bich immanenten Welt". Analog dazu stellt das "Schlafradio" den Versuch dar, eine nur dem Radio immanente Welt zu beschreiben und deshalb die 'Musik'-Ebene nicht zu verlassen: diese Musik enthält allerdings keine musikalischen Zitate, kein Sprechen, d. h. keine narrativen und/oder abbildenden musikalischen Motive und Strukturen - um nicht wieder im Feld der Bedeutungen zu arbeiten.

Muster
Norbert Math zufolge repräsentiert die "Hypnerotomachia" das Prinzip des "stupore": Verwunderung zu erzeugen, indem einem Concetto gefolgt wird, "dessen Struktur durch bewußte Verstöße gegen tiefengrammatische Strukturen gestört ist". Als tiefengrammatische Struktur bezeichnet er gerade jene Ebene, auf der logische Reihen und Verknüpfungen jenseits allen Inhaltes gebildet werden - sie repräsentieren die Denkmodelle, durch die Inhalt erst produzierbar ist, mit dem sie allerdings nicht ident sind.
Auf derselben Ebene operieren Programmiersprachen, indem sie auf der Grundlage logischer Operanden beliebige Informationseinheiten verarbeiten und konkrete Werte produzieren. Die konkreten Werte liegen aber auf einer anderen Ebene als die operationelle Logik der (Programm-) Sprache selbst: die Transformationsgrammatik (auf die sich Norbert Math auch bezieht) ist ebenso eine derartige kontextunabhängige (d. h. wertunabhängige) Grammatik, die von der Annahme logischer Grundstrukturen ausgeht, welche die Sprache eigentlich repräsentieren und auf deren Grundlage das Sprechen wie das Schreiben erfolgt.
Und innerhalb der Linguistik läßt sich Saussure dahingehend interpretieren, daß es nicht die Phoneme (und Morpheme) sind, mit denen die Sprache operiert (als kleinster sprachlicher Wert, die kleinste sprachliche Münze, wie es Roland Barthes als Metapher formuliert), sondern die Beziehungen zwischen Lautzeichen und Bedeutungen und Vorstellungen bzw. die Differenzen zwischen den Phonemen (oder Morphemen), d. h. die Differenzen auf der syntaktischen Ebene, die Unterscheidungen auf der syntagmatischen Ebene erst erzeugen. Es sind die selbst nicht besetzten Zwischenräume (jenseits allen Inhaltes), die einen Sinn der Sprache ermöglichen. Die Sprache wäre demnach als rein funktionale Differenz angelegt, nicht als Summe von Phonemen, Buchstaben oder Worten, d. h. VOR jeder Bedeutung. Die Sprache wird dann zu einem formalen Problem, nicht zu einem inhaltlichen.
Norbert Math versucht analog zu solchen theoretischen Positionen, ein bedeutungs- wie wertvorgängiges Concetto im Raum des Radios, durch eine Radioserie zu erzeugen. Er löst das Feld des Formalen damit gleichzeitig aus seinen Konnotationen mit der (akustischen) Ästhetik, aus dem Kreis eines Formalismus als Oberflächenphänomen (denn auch Klänge haben Oberflächen): die Frage der formalen Struktur wird zu einer Frage der Tiefenstruktur von (radiophoner) Kunst.

Arbeitsphasen
Das Projekt Schlafradio läuft in drei Phasen ab: Produktion und Sendung einer ersten Folge (ausgestrahlt am 14. Mai 1993 um 22.15 Uhr in der Sendung Kunstradio-Radiokunst im Kanal Österreich 1); das Feedback-Material wird aufgearbeitet und ein Klangarchiv eingerichtet - daraus werden weitere Folgen des "Schlafradios" produziert (ausgestrahlt ab September 1993); schließlich entsteht exponentiell immer mehr Material, das die Grundlage kontinuierlichen Arbeitens an diesem Projekt sein wird. Denn die Hörer sind jeweils aufgefordert, die Sendung mitzuschneiden, zu verändern, eigenes Material zu erstellen und einzusenden. Dieses Material wird dem Klangarchiv hinzugefügt un weiter benutzt, d. h. den selben Modi der Bearbeitung und Kombination unterworfen wie das von Math selbst produzierte Material. Mit der wiederholten Sendung von immer weiter verwendetem Material entstehen erkennbare Muster - eine "Sprache" der Sendung entsteht (ihre Tiefenstruktur wird schrittweise einsichtig).
"Die Klangmuster der ersten Sendungen (Startsymbol) erzeugen nach den Spielregeln des Projekts (Grammatik) wiedererkennbare aber abstrakte (kontextfrei definierte) Klangmuster." Die erste Folge bearbeitet das erste Kapitel aus der "Hypnerotomachia"; entsprechendes Klangmaterial wird gesammelt, klassifiziert, bearbeitet und nach einer Vorproduktion schließlich im Studio des ORF abgemischt.

Logik
Norbert Math entwickelt auf der Grundlage sowohl der Strukturen von Programmiersprachen als auch in Anlehnung an die generative Transformationsgrammatik ein System von Operatoren, d. h. Verknüpfungsfunktionen (Terminale) und syntaktischen Elementen (i. W. das Klangmaterial, Nichtterminale). Diese Oberflächenstruktur berücksichtigt nur die formalen Gesetzmäßigkeiten und keine Interpretationen und Deutungen. Die erste Sendung des "Schlafradios" stellt eine erste Produktion mit dem musikalischen Material dar, ein "Startsymbol" für den weiteren Vorgang der Fremdbeteiligung und Veränderung, wobei die erarbeiteten Operatoren weiter verwendet werden.
Das Klangmaterial wird ausgesucht und klassifiziert, d. h. mit Verweisen versehen. Die Verweise beinhalten Notizen über Verknüpfbarkeit und Art der Verknüpfung mit anderen Klangbausteinen. Mit der Zeit entsteht eine Klangbibliothek. Jeder Klang erhält darüberhinaus Parameter, die entweder diesem immanent sind oder in Verbindung mit anderen Klängen entstehen. Die Klangbearbeitung nutzt u. a. den Effekt, daß Klänge nicht mehr in ihrer inneren Struktur kohärent sind, etwa in der Form gefälschter Zitate, Zeitverschiebungen, systaktischer Umstellungen. Die Mischung der Klänge geschieht unter Berücksichtigung "des Grades von Nicht-Zusammen-Passen", etwa durch Verzerrungen, Schleifen, Löschungen etc.
In der Produktion des Stückes orientiert sich Norbert Math also vor allem an sprachanalytischen und sprachtheoretischen Erkenntnissen, bis hin zu Sprachen der mathematischen Logik und Programmiersprachen. Innerhalb der Sprache etwa existieren eine Reihe syntaktischer Operationen, die verdeutlichen, nach welchen Gesichtspunkten Norbert Math seine Oberflächenstruktur (formal) der Musik konzipiert: Metapher (Gebrauch eines Wortes[Klanges, musikalischen Moments] in uneigentlicher Bedeutung), Oxymora (Verbindung von Gegensätzen), Aprosdodekton (unvorhergesehenes Wort [Klang, ...] anstatt des erwarteten, Pointe), Synekdoche (Wahl des engeren Begriffs [Klangs, ...] anstatt des umfassenden oder umgekehrt), Hyperbel (Übertreibung) usw. usf.
Auf der Grundlage analoger standardisierter Operationen mit variablem Sprach/Musik-Material entsteht das "Schlafradio"; seine Utopie ist die automatisierte Produktion von weiteren "Schlafradio"-Folgen: "Quellprogramm Þ lexikalische Analyse Þ Syntaxanalyse Þ semantische Analyse Þ Zwischencode-Erzeugung Þ Code-Optimierung Þ Code-Erzeugung Þ Zielprogramm", wie Norbert Math die Entwicklung eines Compilers kennzeichnet. So wie allerdings "Sprache ohne Grammatik nicht denkbar ist, geschieht auch das Hören von Nichtsprachlichem nicht ohne Verknüpfungen. Eine Verletzung einer solchen Verknüpfung erzeugt stupore. [Es] (...) lassen sich auch die Fehlleistungen Sprechender (...) dazu benutzen, wenn man die Regeln, die sie verletzen, in klangliche Kriterien übersetzt."
Die Begriffe Code, Optimierung, Ziel, wie sie oben verwendet werden, müssen also unter einem solchen Vorzeichen gelesen werden: es geht gerade nicht um eine homologe Struktur, sondern um einen Prozeß der Diskontinuierung und Diversifizierung - jenseits von Erzählung und Bedeutung.

Zeit/Raum
Das Projekt beinhaltet Zeit in unterschiedlichen Dimensionen. Zunächst eröffnet der Ablauf der Projektphasen einen Zeitraum, der zu einer Prozeßzeit wird: der Produktionsraum der ersten beiden Folgen wird via Radio zu einem Abstrahlraum, einem Raum, der die Struktur des "Schlafradios" trägt, dem sich die Struktur einschreibt, indem sie gleichzeitig einen Feedback-Raum in der Ab- und Ausstrahlung eröffnet. Die Wahrnehmung, die Aufnahmen und Eingriffe der Rezipienten werden zu einem Teil des Wirkungs- und Prozeßraumes "Schlafradio". "Die Verschachtelung von frischem und verwendetem Material bewirkt auch klangliche Qualitäten. Der Klang 'schwebt' sozusagen zwischen Abstrahlraum und Räumen der Kopien." Das Radio wird zu einem komplexen und zeitlich extensiven Projektraum, die Beschränkungen des monodirektionalen Mediums (es ist kein unmittelbarer Eingriff in die Sendung möglich) wird zu einem Teil des Projektes, das ein Projekt in der Zeit wird, der Zeit, die nötig ist, um ein Feedback erhalten zu können. Dieser Zeitraum der Verzögerung ist immer auch ein Denkraum, eine quasi paratheoretische Größe.
Der zweite Aspekt von Zeitlichkeit ist gegenüber diesem medialen ein immanenter: das Stück selbst weist eine spezifische zeitliche Struktur auf: die Gesamtdauer entspricht einem Zeitraum, der sich leicht auch auf einem anlogen Wecker einstellen läßt (10, 12 oder 20 Minuten, im Fall der ersten Sendung allerdings 13 Minuten), jedenfalls ganzzahligen Vielfachen einer Minute. Gleichzeitig entspricht dieser Zeitraum der durchschnittlichen Dauer der Einschlafphasen.
Zusätzlich sind die einzelnen Phasen eines Stückes durch eine festgelegte Dauer fixiert. Jede Phase beträgt genau 2 Minuten, zwischen den Phasen wird eine Pause von 5 Sekunden eingeschoben. "Diese Phasen entsprechen im groben Bewußtseinszuständen. Je später eine Phase im Stück erscheint, umso mehr entspricht ihr Anfang dem Ende der vorhergehenden. Mit der Dauer des Stückes entsteht so ein Muster von Repetitionen, die durch Pausen getrennt sind, und zwar in dem Maße, wie auch die Struktur des Stückes durch die genau abgemessenen Phasen bewußt wird."
Die durch das Stück konstruierte Architektur der Zeit verlängert sich zu einer Architektur auch des Raumes, wobei hier kein Entsprechungs- oder Abbildungsverhältnis besteht, sondern jeweils spezifische "architektonische" Logiken entwickelt werden: der Zeitraum, die Dauer, der innere Raum des Stückes (Hall, Verzerrungen, die Tiefenstruktur des Klanges), die Aussagezeit des Stückes trifft auf den Raum des Radios: Abstrahlraum, Sendezeitpunkt, relative Dauer im Programmschema, je unterschiedlicher Rezeptionsraum (d. h. Privatraum), Zeitraum zwischen der Ausstrahlung der Stücke und Bearbeitung durch die Hörer.

Das Projekt richtet sich insgesamt gegen die traditionellen Schemata der Produktion von Bedeutungen durch das Medium Radio. Es werden klangliche und musikalische Strukturen entwickelt, die jenseits der Produktion von Sinn im Rahmen von Radiosendungen liegen. Gleichzeitig aber wird auch der Kunstrahmen des Radios angegriffen: als Stück zum Einschlafen liegt es jenseits von primär ästhetischer und/oder intellektueller Rezeption. (Es wird zu einem Modus des Ausblendens von Bewußtsein, d. h. es richtet sich (pointiert) gegen den Hörer - Radio schaltet Mensch ab. Dadurch wird die Sendung, ihr Abstrahlraum ein völlig abstrakter, menschenleerer. Betrachtet man das Projekt von dieser Seite, existiert nur mehr das Radio selbst, das zu diesem Zeitpunkt das "Schlafradio" ist.) Schließlich wird das Radio (demgegenüber) als ein Handlungsraum, ein Produktionsraum definiert; die Ausstrahlung einer Sendung ist nicht Endpunkt sondern Startpunkt eines Projekts, das sich als Radio-immanenter Prozeß versteht bzw. als Modulierung und Strukturierung eines derartigen Prozesses: in der Bearbeitung von Material, das über Radio verbreitet wird und wieder dorthin zurückkehrt, neuerlich ausgestrahlt wird usw. Hinter diesem Kreislauf steht das spezifische Konzept der "Komposition" des "Schlafradios": anstatt die Bedeutungen des Materials zu verknüpfen wird es auf seine formalen (was nicht gleichzusetzen ist mit ästhetischen) Strukturen hin analysiert und nach Musik-fremden Gesichtspunkten neu montiert und auditiv verändert - eine mögliche Tiefengrammatik der Klänge wird konstruiert.



© Reinhard Braun 1993

erschienen in:
"TRANSIT #2", Hrsgg. von Heidi Grundmann, Triton, Wien - Innsbruck 1993



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